Zwischen Nutzen und Schützen

Mittwoch, 9. September 2026

Seilbahnen zählen zu den energieintensiven Infrastrukturen im Bergtourismus. Schweizer Projekte zeigen, wie Eigenstrom und effiziente Anlagen Emissionen senken.

Für Berno Stoffel, Direktor von Seilbahnen Schweiz, stehen Bergbahnen vor einem grundlegenden Zielkonflikt: Sie brauchen die Natur als Ressource und müssen sie gleichzeitig schützen. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen. Denn die Anlagen erschliessen Landschaften, von deren Attraktivität das Geschäft zugleich abhängt. Umso wichtiger ist es, ihn bei Investitionen und im Betrieb mitzudenken. Wo die Branche heute steht, hat Seilbahnen Schweiz mit einer umfassenden Mitgliederbefragung untersucht. 111 von 350 Mitgliedern beteiligten sich. Im Bereich Ökologie nannten die Unternehmen besonders häufig den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen sowie die Themen Energie und nachhaltige Mobilität. Auch Wasserverfügbarkeit, Biodiversität und Klimaschutz beschäftigen einen grossen Teil der Branche.  Patentrezepte gibt es dennoch nicht. Grösse, Standort, Höhenlage und verfügbare Ressourcen entscheiden mit, was sinnvoll und möglich ist. Für Stoffel ist deshalb entscheidend, Nachhaltigkeit nicht als separates Ziel zu behandeln, sondern von Anfang an einzubeziehen.

Bivio/Belalp: Wasser langfristig sichern

Wie viel Wasser wird ein Skigebiet künftig brauchen, und wie viel steht überhaupt zur Verfügung? Seilbahnen Schweiz hat diese Fragen mit Bivio und der Belalp untersucht. Eine eigens entwickelte Methodik  etrachtet Wasserbedarf und Wasserangebot des gesamten Einzugsgebiets unter verschiedenen Klimaszenarien. Dazu gehören neben Beschneiung auch Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und ökologische  Anforderungen. Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen: In Bivio ist auch künftig genügend Wasser vorhanden. Weil geeignete Kältefenster seltener werden, muss das Wasser jedoch schneller zu den Anlagen gelangen. Auf der Belalp ist dagegen der Speichersee der entscheidende Faktor. Ein Ausbau der Beschneiung würde zusätzlichen Speicherraum erfordern. Die entwickelte Methodik steht nun auch anderen Bergbahnen zur Verfügung. 

Villars: Mit dem Wind beschneien

Warum technischen Schnee produzieren, wenn der Wind Naturschnee dorthin bringen kann, wo er gebraucht wird? Télé Villars-Gryon-Diablerets setzt dafür auf dem Grand Chamossaire 500 Meter lange und bis  zu 2,5 Meter hohe Schneezäune ein. Die Idee stammt aus einer Klimastudie, die Schneezäune als Anpassungsmassnahme empfahl. Computermodelle halfen anschliessend, die optimale Platzierung zu bestimmen. Rund 37'000 Kubikmeter Naturschnee lassen sich so fixieren. Dadurch werden 70 Prozent weniger technischer Schnee und 18'500 Kubikmeter weniger Wasser benötigt, zugleich sinkt die Zeit für die Pistenpräparierung um 60 Prozent. Künftig sollen die Zäune noch eine zweite Aufgabe übernehmen: Photovoltaikmodule sollen darauf jährlich rund 230'000 Kilowattstunden Strom produzieren und damit 80 Prozent des Bedarfs der Seilbahn Roc d’Orsay decken.

Stanserhorn: Erdwärme ohne Tiefenbohrung

Manchmal liegt die nachhaltige Lösung bereits in der Baugrube. Als die Stanserhorn-Bahn ihre Talstation umbaute, musste für Gleisrevisionen eine rund zwei Meter tiefe Grube geöffnet werden. Die Bahn nutzte die Gelegenheit und baute dort eine in der Schweiz noch wenig verbreitete Energielösung ein: einen Ringgrabenkollektor. Er wird flach im Erdreich verlegt, nutzt dessen konstante Temperatur zum Heizen und Kühlen und kommt im Gegensatz zu Erdsonden ohne tiefe Bohrungen aus. Die ohnehin offene Grube bot dafür ideale Voraussetzungen und senkte zugleich die Investitionskosten. Heute versorgt das System die
Büroräume der Talstation mit Wärme und Kälte, senkt Energiekosten und CO₂-Emissionen und ergänzt ein Energiekonzept mit Photovoltaik, Solarthermie und Regenwassernutzung.

Titlis: Mehr Fläche, weniger Energie

Bis 2029 investieren die Titlis Bergbahnen rund 150 Millionen Franken in ihre Gipfelinfrastruktur: Eine neue Bergstation entsteht, der bestehende PTT-Turm wird zum Titlis Tower umgebaut, hinzu kommt eine  neue Pendelbahn. Ein Bauvorhaben dieser Grösse im hochalpinen Raum bedeutet zwangsläufig einen Eingriff in die Natur. Um diesen zu begrenzen, werden bestehende Anlagen, wo möglich, umgebaut statt komplett ersetzt. Das spart Ressourcen und vermeidet zusätzliche Flächenversiegelung. Im Betrieb soll die neue Infrastruktur deutlich sparsamer werden. Obwohl die Nutzfläche um 85 Prozent wächst, soll
sich der Wärmebedarf etwa halbieren. Solarenergie, Abwärme und Wasserkraft sollen die CO₂-Emissionen der neuen Bergstation von jährlich 280 auf 5 Tonnen senken. Ab 2029 sollen zudem 100'000 Liter Heizöl pro Jahr eingespart werden.

Davos/Klosters: Solarstrom für den Winter

Bevor die Davos Klosters Bergbahnen zehn Millionen Franken in eigene Photovoltaikanlagen investierten, nahmen sie rund 40 mögliche Standorte unter die Lupe. Ausrichtung, Dachzustand, Statik und möglicher Eigenverbrauch entschieden darüber, welche zuerst zum Zug kamen. Seit 2023 werden laufend Anlagen gebaut, rund 20 PV-Systeme sind bereits in Betrieb. Sie sollen die Eigenproduktion erneuerbaren Stroms steigern und vor allem den hohen Winterstrombedarf stärker aus eigener Produktion decken. Der nächste Schritt sind kleine interne Netzverbünde: Überschüssiger Strom soll künftig auch an anderen  Betriebsstandorten genutzt werden können. Damit wollen die Bergbahnen ihre Energieunabhängigkeit erhöhen und sich besser gegen Preisschwankungen und Versorgungsengpässe absichern.

Stoos: Bremsen für warmes Wasser

Wenn die Standseilbahn auf den Stoos bremst, entstehen kurzzeitig Leistungen von bis zu zwei Megawatt. Zu viel, um die Energie zu speichern oder ins Netz einzuspeisen. Also nutzen die Stoosbahnen sie direkt: Seit 2022 erhitzt die Bremsenergie zwei elektrische Boiler auf 85 Grad. Das warme Brauchwasser gelangt über kurze Leitungen in die Stoos Lodge und ersetzt jährlich rund 34'000 Liter Heizöl. Die Idee ist Teil eines umfassenderen Energiekonzepts. Die Stoosbahnen setzen unter anderem auch auf Photovoltaik, Trinkwasserkraft und Abwärme. Allein deren Nutzung spart weitere rund 160'000 Liter Heizöl pro Jahr.


Nachgefragt bei Laura Wyss, Leiterin Programm Nachhaltigkeit bei Seilbahnen Schweiz

Laura Wyss, Seilbahnen erschliessen die Bergwelt und greifen damit zwangsläufig in Natur und Landschaft ein. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen notwendiger touristischer Entwicklung und dem Schutz der Bergwelt?

Laura Wyss: Für die Seilbahnunternehmen ist die Natur sehr wichtig, da sie unabdingbar für die Attraktivität der Gebiete ist. Sie haben daher ein ureigenes Interesse, die Bergwelt zu schützen. Gleichzeitig brauchen sie angemessene Entwicklungsmöglichkeiten, um wirtschaftlich nachhaltig agieren zu können. Diese Abwägung machen die Betriebe laufend und angepasst an ihre Bedingungen vor Ort. Es gibt daher keine allgemeingültigen Grenzen.


Die vorgestellten Beispiele zeigen sehr unterschiedliche Ansätze – von Wassermanagement über Schneezäune bis zur Energierückgewinnung. Was verbindet erfolgreiche Nachhaltigkeitsprojekte aus Ihrer Sicht?

Laura Wyss: Das sind jeweils Projekte, die gut an das Unternehmen und die Gegebenheiten vor Ort angepasst sind. Es braucht eine Abwägung zwischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Kosten und Nutzen. Es bringt nichts, ein Ökologieprojekt so gross aufzuziehen, dass die wirtschaftlichen Kosten nicht mehr tragbar sind – und umgekehrt. Ausserdem braucht es eine Prise Offenheit und Innovationsgeist, damit auch neue Wege beschritten werden können.


Welche ökologische Herausforderung wird die Schweizer Seilbahnbranche in den kommenden zehn Jahren am stärksten beschäftigen?

Laura Wyss: Die Auswirkungen des Klimawandels sind schon jetzt deutlich spürbar. Nicht nur in unsicheren Schneeverhältnissen, sondern beispielsweise auch in baulichen Herausforderungen durch den
tauenden Permafrost sehen die Bahnen veränderte Bedingungen. Auch die Gästebedürfnisse verändern sich. So gehen wir davon aus, dass Bergdestinationen künftig aufgrund der häufigeren Hitzetage im Sommer beliebter werden. Da braucht es nicht nur neue Angebote, sondern auch eine Gästelenkung, die den Erhalt und den Schutz der Landschaft erlaubt.

"Es braucht Offenheit und Innovationsgeist, um neue Wege beschreiten zu können".

Welche Rolle spielen Innovationen dabei? Entstehen die grössten Fortschritte eher durch neue Technologien oder durch eine andere Art, zu planen und zu bauen?

Laura Wyss: Innovationen wird es brauchen, und die Branche passt sich längst den veränderten Bedingungen an. Zum Beispiel laufen bereits Entwicklungen, wie Pistenfahrzeuge künftig weniger oder nachhaltigeren Treibstoff nutzen oder gar elektrisch betrieben werden können. Es braucht sowohl Innovationen als auch Anpassungen in der Planung und im Betrieb, mit denen ebenfalls Effekte erzielt werden können. So passen zum Beispiel die meisten Bahnen bereits die Betriebsgeschwindigkeit dem Gästeaufkommen an, wodurch Energie eingespart wird.

Welches Missverständnis begegnet Ihnen beim Thema Nachhaltigkeit in der Seilbahnbranche besonders häufig?

Laura Wyss: Die Beschneiung wird oft immer noch als nicht nachhaltig betrachtet. Die vergangene Saison hat gezeigt, dass ohne technische Beschneiung der Winter im gesamten Alpenraum bis Ende Januar nicht hätte gestartet werden können. Die wirtschaftlichen Einbussen und die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt wären verheerend gewesen. Dank der Beschneiung wird auch Wasser in den Bergen gespeichert, das im Sommer für die Bewässerung der Alpweiden, für die Stromproduktion oder als Löschwasser für Brände genutzt werden kann. Hier kann die Beschneiungsinfrastruktur multifunktional genutzt werden, was sehr hilft. Für die Beschneiung wird gerade mal ein Prozent des gesamtschweizerischen Wasserverbrauchs verwendet

(Quelle htr, 7.9.2026)

Bild: TUZ

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